
Misslungene Umerziehung durch die
Siegermächte
Staatstragendes Bildungsverständnis in der Adenauer-Ära
Die Studentenbewegung und ihre Folgen für die
Demokratie
Alternative Erwachsenenbildung in den siebziger Jahren
Technischer Wandel verlangt nach stärkerer beruflicher
Qualifizierung
Erwachsenenbildung unter Kosten-Nutzen Kalkül
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Waldermar
von Knoeringen
unterrichtet |
Ziel der Alliierten ist es nach Ende des Zweiten Weltkrieges, eine demokratische Kultur aufzubauen und die Deutschen zu Demokraten zu "erziehen". Dazu mußte die politische Bildungsarbeit völlig neu gestaltet werden.
Gemeinsam beschließen die vier Siegermächte, alle Volksbildungseinrichtungen aus der NS-Zeit aufzulösen. Allerdings interpretieren die früheren Kriegsverbündeten den Begriff "Demokratie" höchst unterschiedlich. Dies wird dadurch sichtbar, dass sich die westlichen Besatzungszonen einerseits und die sowjetische Zone andererseits politisch immer stärker auseinander entwickeln.
In der amerikanischen Zone steht das Konzept der "Re-education" im Mittelpunkt. Die Deutschen sollten zu demokratischen Staatsbürgern "erzogen" und wieder in die "Kulturgemeinschaft zivilisierter Nationen" zurückgeführt werden. Sie ist (mit geringen Erfolgen) zunächst hauptsächlich auf die Schulen konzentriert. Bis zu einer wissenschaftlich reflektierten und ausgefeilten politischen Erwachsenenbildung ist es aber noch ein weiter Weg.
In der sowjetisch besetzten Zone ist politische Bildung zentraler Auftrag der Volkshochschulen und der Ideologie des Marxismus-Leninismus verpflichtet. Im Gegensatz zum Westen sollte sich die VHS um den einfachen Bürger aus der Masse des "werktätigen Volkes" bemühen. Eine freie politische Erwachsenenbildung kann sich auch in der 1949 gegründeten DDR nicht entfalten.
In den fünfziger Jahren ist politische Bildung noch von einem autoritär-konservativen Politikverständnis geprägt. Der vorherrschende Antikommunismus der westdeutschen Öffentlichkeit schlägt sich auch im Bildungsauftrag der Volkshochschulen wieder. Der Staat bildet dabei einen festen Orientierungspunkt.
Der Volksbildungstag 1951 formuliert als Ziele "die Pflege des sittlichen Charakters und der guten zwischenmenschlichen Beziehung" sowie "die Erziehung zum rechten staatsbürgerlichen Denken und Verhalten". In einem Gutachten formulierte der "Deutsche Ausschuss für das Erziehungs- und Bildungswesen" dazu als wichtigstes Ziel, "elementare Kenntnisse über Welt und Geschichte, Staat und Wirtschaft" zu vermitteln.
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Volksbegehren
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Großes Aufsehen erregt Anfang der sechziger Jahre der Pädagoge Georg Picht. In seiner 1964 erschienenen Analyse spricht er von der deutschen "Bildungskatastrophe". Schon damals stellt er im Bildungswesen der Bundesrepublik ein wachsendes internationales Wettbewerbsmanko fest: "Die jungen Wissenschaftler wandern zu Tausenden aus, weil sie in ihrem Vaterland nicht mehr die Arbeitsmöglichkeiten finden, die sie brauchen."
Mit dem Aufkommen der Studentenbewegung 1968 kommen auch die Institutionen der Erwachsenenbildung selbst in den Blick der Demokratisierungsstrategie. Durch die Studentenunruhen und den Regierungswechsel 1969 in Bonn (SPD-FDP Koalition) entwickelt sich ein gesellschaftskritisches Bewusstsein, das auch die Volkshochschulen berührt. In den Unterrichtsplänen tauchen nun Themen auf wie "Was wollen die Berliner Studenten?", "Rabatz? Revolte? Revolution? - Die Studenten proben den Aufstand".
Die zunehmende Demokratisierung der Gesellschaft in Westdeutschland hat Folgen: Der Begriff "Demokratie" wird nun als Mittel und Ziel zu mehr Selbstbestimmung und Partizipation verstanden, nicht mehr als Gegenbild von Diktatur und Kommunismus. Dies ist die Geburtsstunde der Bürgerinitiativen.
Bis Mitte der siebziger Jahre verändert sich die Erwachsenenbildung erheblich, wobei die politische Bildung stärker in den Mittelpunkt der pädagogischen Diskussion rückt.
In der ersten Hälfte des Jahrzehnts wird die Erwachsenenbildung in der Bundesrepublik systematisch ausgebaut. Für die politische Bildung spielen die in einigen Bundesländern erlassenen Bildungsurlaubsgesetze eine wichtige Rolle. In Konflikt mit den Arbeitgeberverbänden setzt der DGB vor dem Bundesverfassungsgericht durch, dass politische Bildung unverzichtbarer und fester Bestandteil des Bildungsurlaubes sein müsse.
Vor dem Hintergrund der neuen sozialen Bewegungen, die ab Mitte der siebziger Jahre verstärkt aufkommen, entwickelt sich die "alternative Erwachsenenbildung". Sie reagiert auf die starre Bürokratie der politischen Bildungsarbeit in den traditionellen Institutionen der Erwachsenenbildung. Benachteiligte Gesellschaftsgruppen sollen verstärkt Zugang zur Weiterbildung erhalten. Absicht ist, die Distanz zu konkreten Formen politischer Aktionen abzubauen. Neben soziokulturellen Zentren, Bildungswerkstätten und -läden entstehen in manchen Bundesländern auch Interessen- und Dachverbände.
Das Leitmotto für Funktionäre und Mitarbeiter der alternativen Weiterbildung lautet: "Bildungsarbeit darf nicht im pädagogischen Ghetto stattfinden. Wir müssen mit den Angeboten dorthin gehen, wo soziale Konflikte existieren und ausgetragen werden." Sinn und Zweck ist eine weitgehend selbstbestimmte Bildungsarbeit ohne Zensur durch politische Instanzen oder gesellschaftlichen Großorganisationen.
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Politische
Agitation
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Seit Anfang der achtziger Jahre breiten sich die Informations- und Kommunikationstechnologien in der Welt rasch aus. Kenntnisse über die neuen Techniken müssen sich auch die Deutschen im beruflichen Alltag verstärkt aneignen.
Im Vordergrund steht, die Bundesrepublik auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu halten. Politik, Wirtschaft und
Weiterbildungsverbände propagieren eine "Qualifizierungsoffensive". Für das berufliche Fortkommen beschränkt sich die Weiterbildung auf einen rein ökonomischen Zweck. So heißt es in einem Bericht der Bundesregierung zu Stand und Perspektiven der politischen Bildung in der BRD : "Politische Bildung muss die Menschen befähigen,(...) den angstfreien Umgang mit der neuen Technologie zu erlernen."
Entsprechend geht der Anteil der politischen Bildung in den Programmangeboten zurück. Erwachsenenbildung wird vielmehr als Instrument gesehen, den Bürgern die Angst vor der neuen Technik zu nehmen.
Die neunziger Jahre stehen ganz im Zeichen der Wiedervereinigung. Auch das hat weitreichende Folgen für den Weiterbildungsmarkt. Die außerschulische politische Bildungsarbeit gerät in eine Krise.
Zwar werden nach dem Vollzug der deutschen Einheit in vier der neuen Bundesländer (Ausnahme: Sachsen) Erwachsenen- bzw. Weiterbildungsgesetze erlassen. Der Begriff "politische Bildung" ist in Ostdeutschland durch die intensive Ideologievermittlung und Pflichtveranstaltung zu DDR-Zeiten aber stark diskreditiert.
In der Rangskala der Ostdeutschen nehmen die Erhöhung des Lebensstandards, die soziale Sicherung und die berufliche Zukunft die obersten Plätze ein. Das sog. "Münchener Manifest" vom 26. Mai 1997 der Bundes- und Landeszentralen für politische Bildung greift dieses Problem in ihrem neuen Selbstverständnis auf:
"Hieraus ergeben sich als vorrangige Aufgaben die Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen, ökologischen und politischen Umbrüchen (z.B. Globalisierung und deren Folgen) und in den neuen Bundesländern "im Umbruch von Diktatur und zentralistischer Planwirtschaft zu Demokratie und sozialer Marktwirtschaft die Bereitschaft der Bürger für eigenverantwortliches Handeln zu wecken und zu fördern."
Ab Mitte der neunziger Jahre setzt sich die Ökonomisierung, der Weiterbildung verstärkt fort; das Denken in Kosten-Nutzen-Kalkulationen erfasst auch die politische Bildungsarbeit. Staatliche Mittel werden eingefroren oder gekürzt. Viele Einrichtungen der Erwachsenenbildung streichen politische Bildung ganz aus ihrem Angebot. Speziell dieser Aufgabe verpflichtete Bildungswerke und -häuser sehen sich in ihrer Existenz gefährdet.
Politische Bildung ist in der Diskussion um Qualität in der Bildung nun immer häufiger Rechtfertigungszwängen ausgesetzt. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts steht die politische Erwachsenenbildung vor einer ungewissen Zukunft. Gesellschaft und Politik müssen neu definieren, welche Funktion die politische Bildung erfüllt in einer Welt, die offener und zugleich konturloser wird.