
Die Geschäftsführerin Ingelore Pilwousek drückt mir zum Einstieg einen Stapel Papier in die Hand, mit der Aufforderung, für 1989 die Berlin-Seminare zu organisieren. Diese Seminare waren bei Gruppen sehr beliebt: Nicht nur wegen des Aufenthalts in der "Frontstadt" mit dem vom Gesamtdeutschen Institut durchgeführten Rahmenprogramm, sondern auch wegen des Nervenkitzels anlässlich der Busfahrt durch die DDR. Die Berlin-Seminare waren hoch subventioniert.
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Dr. Robert
Hofmann
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Der zweitgrößte Topf staatlicher Förderung umfasste die sogenannte G-Seminare, die sich mit den politischen Verhältnissen vor allem in der DDR befassten. Sie trugen im Titel den Zusatz "...in beiden deutschen Staaten". Projektförderung für weitere Seminare erfolgt über die Bundeszentrale für politische Bildung. Sie ist dem Innenministerium angegliedert, was signalisiert, dass es sich dabei primär nicht um Bildung, sondern um Verfassungsschutz handelte.
Für den Herbst 1989 habe ich unter dem Arbeitsbegriff "Innerdeutsche Begegnungen" ein Seminar in Gera/DDR organisiert. Es beinhaltete auch ein Gespräch mit Vertretern der Nationalen Front der DDR. Angesichts der offenkundigen Erosionserscheinungen des "real existierenden Sozialismus" erstaunte die mangelnde Einsichts- und Kritikunfähigkeit der Politfunktionäre. Verunsichert wirkte nur der SED-Vertreter, von CDU und LDPD kamen nur die sattsam bekannten Sprüche, dass dem Sozialismus die Zukunft gehöre.
Anfang November veranstaltete die Bundeszentrale für politische Bildung eine Konferenz im Reichstagsgebäude unmittelbar neben der Mauer. Sie wird nicht wie geplant zu Ende geführt: Noch während der Tagung werde ich Augenzeuge des DDR-Kollapses: Die Mauer wir plötzlich durchlässig: Zehntausende DDR-Bürger strömen nach Westberlin.
Die deutsche Vereinigung und der Zusammenbruch des Kommunismus führten dazu, dass ein wesentliches Ziel staatlich subventionierter politischer Bildung obsolet geworden war. Die Ausgaben werden drastisch zurück gefahren. Trotzdem finden 1996 Audio- und Videoschnitt Einzug in die Produktion. Wir nehmen eine Multimedia-CD in Eigenproduktion auf: Es erscheint der erste Teil der SPD-Geschichte ("Von den Anfängen bis 1933").
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Rhetorikseminar
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Ab 1990 kommt es zu einer gravierenden Umorientierung. Statt der Klärung inhaltlicher Fragen des Politikspektrums stehen nun handwerkliche Fragen im Vordergrund. Rhetorik und Moderationstraining, Zeitmanagement und Präsentationsfragen lösen immer mehr die Theoriediskussionen und geschichtlichen Themen ab. Nicht mehr das WAS, sondern das WIE dominiert. Mit der "Semi-Professionalität" des Handwerkszeugs können jedoch politische Sprachlosigkeit und inhaltliche Defizite nicht kaschiert werden.
Asylheime brennen, Menschen werden totgeschlagen - das bedarf einer neuen Antwort, also konzipieren wir ein breites Bildungsangebot für junge Erwachsene und Pädagogen: Antirassismus-Training, interkulturelle Verständigung, friedliche Konfliktlösungen. Parallel entstehen Ausstellungen, Lehrmaterialien und Filme. Wir verstärken außerdem die Kooperation mit Bürgerinitiativen und Verbänden. Ein zweiter Schwerpunkt unserer Bildungsarbeit sind Themen des genossenschaftlichen und ökologisch verträglichen Wohnungsbaus. In Fragen der Kommunalpolitik kooperieren wir eng mit der Sozialdemokratischen Gesellschaft für Kommunalpolitik (SGK). Ein weiterer kontinuierlich verfolgter Themenbereich ist der Einsatz von Neuen Medien und EDV in der politischen Arbeit.
Unser Seminarangebot wird gut akzeptiert - wir könnten unser Angebot problemlos erweitern, wenn ausreichende finanzielle Mittel zur Verfügung stünden. Die angespannte Lage der öffentlichen Haushalte führte jedoch in den letzten beiden Jahren dazu, dass der Abwärtstrend dramatisch verstärkt wurde. Hinzu kommt, dass sich die Einschätzung, politische Bildung sei ein Luxus, ja ein Störfaktor , selbst in der politischen Klasse ausbreitet wie ein Ölfleck.